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Pressespiegel

01Jul

Stormarner Tageblatt vom 1. Juli 2014

Neue Kreuzung – Blinde werden in die Irre geführt. Streit um Kosten für akustische Signalgeber am Berliner Ring / Blindenverband bemängelt Baufehler.

Kreuzung Berliner Ring. Claus Bernhard und Britta Bussewitz ertasteten Leitstreifen.

Bad Oldesloe

"Ich verlange ja nicht, dass alle sofort nachgerüstet werden. Aber diese Kreuzung ist neu gemacht worden." Yannick Thoms, Vorsitzende des Oldesloer Beirats für Menschen mit Behinderung, ist verärgert. Die Kreuzung Ratzeburger Straße/Berliner Ring wurde umgestaltet. "Sie haben Leitsysteme für Sehbehinderte auf den Boden gemacht, aber keine akustischen Signalgeber installiert", kritisiert die Vorsitzende. Schon mehrfach ist sie deswegen im städtischen Bauausschuss vorstellig geworden. Und findet dort im Prinzip sogar offene Ohren. " Wenn es eine städtische Ampel wäre, hätten wir die selbstverständlich entsprechend ausgestattet", versichert der Leiter der Tiefbauabteilung Klaus-Peter Scharnberg. Aber bei besagter Kreuzung handelt es sich um eine Bundesstraße - die B 208. Zuständig sei das Straßenbauamt in Lübeck. Das würde einer entsprechenden Nachrüstung nur zustimmen, wenn auch der Bedarf nachgewiesen sei.

Behördenchef Dirk Sommerburg weist die Zuständigkeit pauschal von sich: "Wir haben einen Vertrag mit der Stadt, dass sie die Ampel betreibt und unterhält. Dafür bekommt sie Zuschüsse. Da kann sie sich jetzt nicht rausreden." Das lässt Klaus-Peter Scharnberg nur halb gelten. Den Vertrag bestreitet er nicht, aber: "Was dort gemacht werden muss, übersteigt das normale Maß, für das die Pauschale gedacht ist." Für diesen Mehrbedarf müsse "ein gewisser Nachweis" erbracht werden. Wie der aussieht, ist allerdings nicht bekannt. Zu dieser Kreuzung konnte sich Dirk Sommerburg nicht konkret äußern - der Experte seines Hauses sei im Urlaub.

Der Oldesloer Behindertenbeirat bekommt für seine Forderung nach akustischen Signalgebern prominente Unterstützung. "Die Bedarfsfeststellung kann doch wohl kein Argument sein", findet Wolfgang Gallinat, Geschäftsführer des Landesblindenverbands: "Der Bahnhof ist ein zentraler Anlaufpunkt. In die andere Richtung sind Finanzamt und Arbeitsamt. Da geht man doch immer lang."

Auch der Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderung, Dr Ulrich Hase, ist auf der Seite des Oldesloer Beirats. Sein Sprecher Dirk Mitzloff teilt mit: "Das ist Inklusion. Das sieht der Beauftragte grundsätzlich so. Vermutlich ist da eine Verwaltungsvorschrift noch nicht an die UN-Menschenrechtskonvention angepasst worden." Die sei nämlich eindeutig: Es müssten "angemessene Vorkehrungen" getroffen werden.

Was für Sehende einfach nur geriffeltes oder genopptes Pflaster ist, ist für Blinde eine eigene Sprache - über ihren Langstock empfangen die Betroffenen Botschaften von den Steinen: Aufpassen, gehen ... Damit das nicht im Chaos endet, muss das "Vokabular" einheitlich sein.

"Diese Ampelanlage ist akustisch nicht zu begehen", lautet das vernichtende Urteil von Claus Bernhard, Reha-Fachlehrer und Berater von "Blickpunkt Auge" im Auftrag des Blindenverbands. Wenn es keine akustischen Signalgeber gibt, mit denen Blinde erfahren, wann sie gefahrlos gehen können, orientieren sie sich am anfahrenden Parallelverkehr. Das ist aber an der Kreuzung unmöglich, weil der Hauptverkehrsstrom abknickt und die Bahnhofstraße eine Einbahnstraße ist.

Vom Experten hagelt es noch weitere Kritik: "An den Ampelpfosten macht man keinen Mülleimer. Der wird mit dem Stock unterpendelt. Da läuft ein Blinder erst mal gegen", so Bernhard. Auch die Leitstreifen seien falsch verlegt. Aus ihnen lesen Blinde ab, in welche Richtung sie eine Straße überqueren müssen. Am Berliner Ring weisen sie diagonal über die Kreuzung. "Ein Fehler des Verlegers", erklärt Bernhard: "Sie hätten einzeln zugeschnitten werden müssen." Ein Ampelmast stehe an der falschen Stelle. Außerdem sei die Bordsteinkante zu stark abgesenkt. Was Rollifahrer und Gehbehinderte freut, führt bei Blinden zu Problemen, weil eine mit dem Stock ertastbare Kante fehlt.

Wenige Meter weiter an der Reimer-Hansen-Straße sei die Kreuzung zwar auch nicht fehlerfrei, aber deutlich besser. Diese städtische Ampel verfügt über einen modernen Signalgeber, der bei grün piept und obendrein an der Unterkante einen vibrierenden Richtungspfeil hat. Andreas Olbertz